Ansprachen

WAS GIBT MIR FÜR DIE ÖKUMENE HOFFNUNG?

Impulsreferat anlässlich des 40jährigen Bestehens des Ökumenischen Lebenszentrums Ottmaring am 13. Juli 2008
 
Von Landesbischof Dr. Johannes Friedrich
 
Anrede
 
1.      40 Jahre Ökumenisches Lebenszentrum
 
         Rückblick
 
"Denke ich über Möglichkeiten nach (sc. die Kluft, die die Konfessionen trennt, zu überwinden), so steht als lebendiges Beispiel vor mir das Ökumenische Lebenszentrum in Ottmaring bei Augsburg. In dieser Siedlung, wo katholische und evangelische Christen in Familien oder auch als einzelne beieinander wohnen und miteinander als Christen leben wollen, versucht man die Gemeinschaft und die Trennung der Christen redlich zu leben und zu leiden, in großer Hoffnung und Dankbarkeit, aber ohne falsche Vorwegnahme."
 
Diese Sätze schrieb im Jahr 1984 in seinen Lebenserinnerungen Hermann Dietzfelbinger, mein Vorgänger im Amt des Landesbischofs, an dessen 100. Geburtstag wir morgen gedenken, über das Ökumenische Lebenszentrum. Inzwischen sind weitere 24 Jahre ins Land gegangen. Und das Ökumenische Lebenszentrum Ottmaring hat an seinem Ziel kraftvoll festgehalten. Seit 40 Jahren gibt es Ihre Gemeinschaft. Ich darf Ihnen dazu ganz herzlich gratulieren und Ihnen die Grüße der Leitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern überbringen.
 
         Die Zahl 40 in der Bibel
 
Vierzig ist eine biblische Zahl. Die Sintflut dauerte 40 Tage und 40 Nächte. Isaak war 40, als er Rebekka nahm. Vierzig Jahre aß das Volk Israel Manna in der Wüste. Vierzig Tage und 40 Nächte blieb Mose auf dem Berg des Gesetzes. Eli richtete 40 Jahre. Der Prophet Jona kündigte an: Noch 40 Tage, dann wird Ninive untergehen! Jesus fastete 40 Tage und 40 Nächte. Nach Ostern ließ er sich 40 Tage von seinen Jüngern und Jüngerinnen sehen. - Das sind nur einige wenige Beispiele.
 
Nach einer Wanderzeit von 40 Jahren durch die Wüste endet das Leben des Mose. Er darf das Gelobte Land noch von ferne schauen. Aber er selbst kommt nicht hinein.
 
Seit 40 Jahren lebt das Ökumenische Lebenszentrum Ottmaring die ökumenische Zuversicht. Die Gründergeneration tritt nun ab und legt den Weg der geistlichen Gemeinschaft in jüngere Hände. Das Ziel der versöhnten Verschiedenheit der Christenheit ist noch nicht erreicht. Aber die ökumenische Gemeinschaft darf das Ziel wohl von ferne schauen. Es schmerzt, dass die unzähligen Gebete um die Einheit nach so langen Jahren noch keine Erfüllung gefunden haben. Es tröstet aber, wenn sich die Gründer in Mose, der auch das Ziel nur von ferne sah, spiegeln.
 
Die Mosesse in Ottmaring übergeben an die Josuas - ganz nach biblischem Muster. Auch das ist gut biblisch. Wohin es führt, wenn die Gründer nicht rechtzeitig übergeben können und sich an ihrer Aufgabe festhalten, das wissen wir auch.
 
Wechsel heißt nicht, dass alles anders wird. Im Wechsel kann sehr viel Beständigkeit liegen. Loslassen können, in die Nachfolger Vertrauen haben: das ist doch eine logische Variante der Zuversicht auf das ökumenische Ziel! Wir versammeln uns heute nicht um die Asche der Hoffnungen der letzten 40 Jahre, sondern um die Glut des Feuers, das uns in unserer Sehnsucht nach der Einheit der Christenheit brennt!

 

2.     Ökumenische Zuversicht hat ihren Grund
 
         Dogmatisch: die eine heilige katholische und apostolische
         Kirche

 
Der frühere Erlanger Systematische Theologe Reinhard Slenczka stellt in seinem Beitrag im Sammelband über "Philipp Melanchthon - Ein Wegbereiter der Ökumene" fest: "Der Reformation und den Reformatoren ging es nicht um theologische Neubildungen als Antwort auf Fragen aus der Situation der Zeit. Das Gegenstück zu Reformation ist vielmehr die Deformation. Das Anliegen ist die Beseitigung von Missständen und Missbräuchen, die in der Kirche eingerissen sind. An der von Melanchthon in der endgültigen Gestalt redigierten `Confessio Augustana´ von 1539 tritt dies in der Zweiteilung ihrer 28 Artikel deutlich hervor: Die ersten 21 Artikel sind die `Articuli Fidei Praecipui´ - `Artikel des Glaubens und der Lehre´. In ihnen wird zusammengefasst, was den ´magnus consensus´ der katholischen Kirche in Raum und Zeit ausmacht. Der zweite Teil mit sieben recht umfangreichen Artikeln steht unter der Überschrift `Articuli in quibus recensentur abusus mutati´ - `Artikel, von welchen Zwiespalt ist, da erzählet werden die Missbräuch, so geändert worden seind´. Behandelt werden hier Missbräuche in der kirchlichen Praxis?"
 
Warum zitiere ich Ihnen das so ausführlich? Die sachlich völlig zutreffende Beschreibung des Augsburger Bekenntnisses und seines Anliegens zeigt auf, dass die Reformatoren, was die Lehre angeht, mit ihrem Bekenntnis den Versuch unternahmen, sich im Rahmen der abendländischen Kirche zu verorten. Die Reformatoren haben nicht eine protestantische Kirche begründet. Sie definierten ihrem Selbstverständnis nach den reformatorischen Glauben ganz im Rahmen des Konsenses der Kirche mit nicht kirchentrennenden Differenzen. Das war ihr Anliegen.
 
Deshalb sind heutige Versuche, die evangelische Kirche abseits der Einheit zu positionieren, die dem Willen Christi nach Johannes 17 entspricht, wider den Geist und den Willen der Reformation. Wenn heute immer wieder von "protestantischem Profil" die Rede ist, dann kann das, auf die lutherische Kirche bezogen, nur ein ökumenisches Selbstverständnis meinen, das auf Verständigung und Versöhnung aus ist. Oder es ist ein von der Reformation losgelöstes Selbstverständnis.
 
Christus nötigt uns zur Einheit. Und unsere reformatorische Tradition nötigt uns auch dazu. Wir engagieren uns für die Ökumene nicht, weil wir sie uns ausdenken, sondern weil unser Herr sie will. Das ist protestantisches Profil. Darum muss das Ziel der Einheit der Kontext aller unserer lehrmäßigen Entscheidungen und Aussagen sein.
 
         Soziologisch: die vielen Menschen in konfessions-
         verschiedenen Lebensgemeinschaften

 
Es geht aber nicht nur um theologische Grundüberzeugungen. Es geht uns Ökumenikern auch und gerade um Menschen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kam es zu einer Vermischung der Konfessionen, wo bis dato fast ausschließlich Katholiken oder ausschließlich Evangelische lebten. Die Alliierten und die Adenauer-Regierung lenkten die Flüchtlingsströme so, dass evangelische Flüchtlinge im Bayerischen Wald und katholische in Westmittelfranken ankamen. Die Folge: Bei Heiraten spielte die Konfession des Partners, der Partnerin eine immer geringere Rolle. Vor zehn Jahren waren in Nürnberg bereits mehr Katholiken mit Nichtkatholiken als mit Katholiken verheiratet.
 
Das ist der Sachverhalt. Wenn Kirchen und ihr Kirchenrecht mit konfessionsverschiedenen Lebensgemeinschaften restriktiv umgehen, führt dies zu enormen seelischen Belastungen oder zu völliger kirchlicher Indifferenz. Beides können wir nicht wünschen. Es ist ja widersinnig, - und das sehen wir ja alle, Evangelische wie Katholiken so - wenn der Tisch des Herrn aufrichtige Christinnen und Christen trennt. Er müsste sie vereinen.
 
Mich hat vor einigen Jahren der Bericht einer evangelischen Mutter sehr bewegt, die ihre katholisch getauften Kinder auf die Erstkommunion vorbereitet und sie in die Messe begleitet hat, dann aber bei der Erstkommunion nicht mit ihnen das Mahl des Herrn empfangen durfte. Ist es wirklich notwendig, engagierten Christinnen und Christen solchen Schmerz zuzufügen?
 
Wäre es nicht aus missionarischen Gründen besser, wenn in heutigen säkularen Zeiten ökumenische Gottesdienste bei Sport- oder Stadtfesten genehmigt würden - auch am Sonntagvormittag - und die missionarische Chance solcher Gottesdienste gesehen würde?
 
Ökumeniker nehmen den Willen Christi und das reformatorische Anliegen ernst. Und sie nehmen die Menschen ernst. Ich achte natürlich die Lehre und das Recht unserer Schwesterkirchen. Und ich achte ganz besonders die Hochschätzung der Eucharistie am Sonntagvormittag. Und ich fordere nichts, was der Lehre und dem Recht der Schwesterkirche entgegensteht. Aber ich bitte herzlich darum, seelsorgerliche Lösungen zu überlegen. Mich ermutigt, dass ich weiß: Nicht wenige katholische Bischöfe sehen die Probleme und den Handlungsbedarf ebenso wie ich. Als biblische Stärkung darf uns Jesu Gleichnis vom bittenden Freund (Lukas 11) dienen, dessen - wie Luther übersetzt - unverschämtes Drängen schließlich zum Erfolg führt.
 
         Mental: Chancen statt Aporien sehen!
 
Aber nun sagen manche: Wie soll man denn seine ökumenische Leidenschaft bewahren, wenn immer wieder Texte aus der anderen Kirche kommen, die uns zu einer Kirche zweiter Klasse erklären! Zugegeben: Mich erfreuen auch nicht alle Texte, die veröffentlicht werden. Das gilt für römische wie auch den einen oder anderen evangelischen Text. Vielleicht wäre es manchmal besser, einen beabsichtigten Text vor seiner Veröffentlichung durch drei Prüfungen zu schicken:
- Ist der Text gut?
- Fördert er das Ziel der von Christus gewünschten Einheit?
- Ist es notwendig, ihn zu veröffentlichen?
Nur wenn alle drei Fragen ehrlichen Herzens mit Ja beantwortet werden können, sollte ein Text auch an die Öffentlichkeit.
 
Im Übrigen habe ich mir zum Prinzip gemacht: Ich suche stets die Chancen in einem veröffentlichten Text, nicht die mögliche Provokation. Man kann natürlich bei einem Text auch zuerst einmal die Schwachstellen herauspicken. In welchem Text gibt es die nicht! Wer eine Sache nicht will, wird auch stets eine Menge Gründe gegen sie finden. Das ist ein Grundsatz, der allgemein im Leben gilt und so auch für das Studium theologischer Texte. Ich werde jedenfalls das Geschäft der Gegner der Ökumene nicht dadurch verstärken, dass ich mich - zum Beispiel - an der umstrittenen Passage zum Kirchenverständnis in "Dominus Iesus" ausweide, sondern ich werde den Gesamttext dieses Lehrschreibens, das ja ein ganz anderes Thema hat, würdigen und allenfalls bemerken, dass jene Passage darin wenig zu suchen hat.
 
Es ist in der Ökumene oft wie mit dem halb vollen bzw. halb leeren Glas. Weil unser Herr und Heiland die Einheit will, gehen wir zuversichtlich an das Thema heran und nicht skeptisch.
 

3.     Was mich in meiner ökumenischen Zuversicht bestärkt
 
        Die reibungslose Zusammenarbeit von Landeskirchenamt
        und Ordinariat und das gute menschliche Miteinander der
        Leitenden

 
Immer wieder hört man die Meinung: Die Basis versteht sich gut. Nur die da oben zieren sich. Darauf kann ich Ihnen nur sagen: "Die da oben" arbeiten besser zusammen, als die so genannte Basis zuweilen glaubt. In den neun Jahren, in denen ich jetzt Landesbischof bin, habe ich mit großer Genugtuung registriert, wie reibungslos und vertrauensvoll unser Landeskirchenamt und die Ordinariate zusammenarbeiten. Es ist eine Freude. Und auch, das dürfen Sie mir glauben, die Bischöfe verstehen sich gut. Die Chemie - um ein Beispiel zu nennen - zwischen Erzbischof Marx und mir stimmt. Ich glaube nicht, dass er das anders sieht. Und das ist schon einmal viel wert.

Dass jeder von uns Anwalt seiner Kirche und ihrer Lehre ist, ja sein muss, ist selbstverständlich. Deshalb ist ein wichtiger Grundsatz, dass wir uns gegenseitig nicht überfordern. Es macht ja keinen Sinn, vom ökumenischen Partner etwas zu erwarten, was er gar nicht erfüllen kann. Jeder von uns kann sich aber bemühen, die eigenen Möglichkeiten stets an dem zu messen, was unser erklärtes gemeinsames Ziel ist: die Eine Kirche.

 

 Der II. Ökumenische Kirchentag
 
Die Probe aufs Exempel wird der II. Ökumenische Kirchentag sein, den wir 2010 gemeinsam in Bayern ausrichten dürfen. Da werden wir gemeinsam zeigen, zu wie viel Gemeinsamkeit wir fähig und willens sind. Dieser Kirchentag wird nicht das gemeinsame Abendmahl bringen. Aber er wird zeigen, dass wir immer mehr zusammenwachsen. Es freut mich sehr, dass sich Erzbischof Marx gleich nach seinem Amtsantritt unmissverständlich und kraftvoll zum II. Ökumenischen Kirchentag bekannt hat.
 
Gegenwärtig arbeiten wir an der Konzeption. Ich bin überzeugt, dass die Veranstaltung ein überzeugendes Signal in unsere Kirchen hinein und nach draußen setzen wird. Unterschätzen wir nicht, was es heißt, wenn die Kirchen ein Zeichen gegenseitigen Verstehens und gemeinsamen Wirkens in einer Zeit abgeben, in der die Politik sich eher zerstreitet und die Zahl der Konflikte weltweit wächst. Die christlichen Kirchen sind in vieler Hinsicht weiter als die Politik.
 
       

Die III. Bilaterale Kommission
 
Schließlich kann ich Ihnen mit Freude vermelden, dass auch in der so genannten Dokumentenökumene ein neues Kapitel geschrieben werden kann. Es wird eine III. Bilaterale Kommission zwischen der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands geben. Wir sind bereits bei der Verabredung der Thematik.
 
Die leise, aber effektive Zusammenarbeit unserer Kirchen, der vor uns liegende II. Ökumenische Kirchentag und die Wiederaufnahme der Lehrdebatte sind für mich ermutigende Eckdaten, die die ökumenische Zuversicht stärken.
 

4.     Die Rolle der Geistlichen Gemeinschaften
 
Was ist in diesem Zusammenhang die Rolle der geistlichen Gemeinschaften? Braucht es denn auch deren Engagement? Und worin sollte es bestehen?
Die Geistlichen Gemeinschaften müssen all das nicht leisten, was ich bisher beschrieben habe. Aber: Sie sollten es begleiten - mit ihrem Gebet und mit ihrer Zuversicht. Es ist für mich erstaunlich, was Sie in den letzten Jahren durch Ihr Befreundungsprogramm geleistet haben. Nie hätte ich mir vor 20 Jahren vorstellen können, dass der CVJM einerseits und die Schönstätter und "Communione e Liberazione" andererseits sich befreunden und - bei Wahrung ihrer konfessionellen Eigenart - gemeinsam beten, gemeinsam feiern und auf ein gemeinsames Ziel ihre Zuversicht setzen. Und zwar - wie Hermann Dietzfelbinger es ausdrückt - "in großer Hoffnung und Zuversicht, aber ohne falsche Vorwegnahme".
 
In dieser Formulierung liegt das, was ich als besondere Mission der Geistlichen Gemeinschaften sehe: dass sie die Ökumene nicht nur mit ihrer Zuversicht begleiten, sondern auch erleiden. Dazu braucht es nämlich geistliche Kraft.
 
An der so genannten Gemeindebasis gibt es zuweilen eine Tendenz, alle noch bestehenden Unterschiede wegzuwischen und die Einheit, die noch nicht besteht, vorwegzunehmen. Das geschieht in aller Regel in bester Absicht und hat seinen Grund in fehlender Geduld. Letztlich aber ist das Augenwischerei. Es fördert die Einheit nicht. Noch ist die Spaltung der Christenheit da. Sie ist ein tiefer Schmerz. Und es braucht darum Menschen, die diesen Schmerz erleiden. Da sehe ich die Rolle der Geistlichen Gemeinschaften.
 
Selbstverständlich geht es mir nicht darum, Ihnen Leiden zuzumuten. Sie sollen vielmehr Ihren Schmerz Ihren Kirchen immer wieder mitteilen. Die Kirchenleitungen - evangelisch wie katholisch - müssen immer wieder darauf gestoßen werden, dass die Treuesten an der Trennung leiden und darauf drängen, dass die Kirchenleitungen alles ihnen Mögliche tun, die Einheit voranzutreiben, statt Bedenken vorzuschieben.
 
Mit dieser Haltung: beten und erleiden, leisten die Geistlichen Gemeinschaften meines Erachtens einen unverwechselbaren und unverzichtbaren Beitrag zur Ökumene. Ich möchte Sie hier anlässlich des Jubiläums "40 Jahre Ökumenisches Lebenszentrum Ottmaring" ausdrücklich dazu ermutigen.
 
Vierzig Jahre - wir sind ja hier in Schwaben. Und in Schwaben sagt man: Mit 40 kommt der Mensch ins Schwabenalter. Da wird der Mensch gescheit.
Gescheit werden müssen die Ottmaringer nicht mehr. Der sich anbahnende Generationenwechsel zeigt, dass Sie es schon sind. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auch gescheit bleiben. Für die nächsten 40 Jahren daher von ganzem Herzen: alle guten Wünsche und Gottes Segen!

 

 

Walter Pollmer
Agnes Heß
(blau gedruckte Kommentare)
 
Die ersten 8 Jahre - unsere geistlichen Grundlagen
 
Wir glauben, dass die Geschichte des Ökumenischen Lebenszentrums eine Geschichte Gottes ist, zugleich eine Geschichte mit Menschen und zwei Gemeinschaften. Wie bei jedem Menschen das Elternhaus und die Kindheit sich auf das ganze weitere Leben auswirken, so sind die Anfangserfahrungen bei der Entstehung des Lebenszentrums bis heute für uns wichtig. Ich möchte rückblickend drei Kennzeichen nennen, die geistliche Grundlagen geworden und geblieben sind:
Begegnung und Entdeckung des Anderen
Gemeinsamer Glaube: es ist Gottes Stunde und sein Werk
Ein Weg des Lernens.

 

1. Begegnung
 
Alles begann mit einer Begegnung - im Sommer 1960 im diakonischen Zentrum der Bruderschaft vom gemeinsamen Leben in der Schweiz.
Seit den 20er Jahren fanden dort Begegnungen von Christen aus verschiedenen Kirchen im Rahmen sogenannter ökumenischer Kirchentage statt. Es war 1960 nur ein kurzer Programmpunkt unter dem Gesamtthema "Die Einheit der Kirche auf diakonischer Grundlage". Ein katholische Priester, Josef Gleich aus Bayern stellte eine neue Bewegung aus Italien vor - die Fokolarini. Die anwesenden Mitglieder der Bruderschaft aus Deutschland waren elektrisiert: Wir hörten von katholischen Frauen und Männern, die ganz aus dem Evangelium lebten und im kleinsten Kreis die Liebe und die Einheit praktizierten. "Das ist ja Bein von unserem Bein" war der erstaunte Ausruf der evangelischen Hörer.

Welch ein Glück, welch eine Vorsehung Gottes - so müssen wir heute sagen -, daß Josef Gleich im nördlichsten Zipfel des Bistums Augsburg, in der katholischen Diaspora Pfarrer war. Nürnberg mit einem Haus der Bruderschaft war nicht weit und es kam bald zu gegenseitigen Besuchen. Im Jahr 1961 kam Chiara Lubich, die Gründerin der Fokolare-Bewegung drei mal zu Begegnungen mit der Bruderschaft nach Deutschland. Bei einem 10tägigen Gegenbesuch in Italien (im Oktober 1961) lernten Verantwortliche der Bruderschaft (die Ehepaare Heß und Schatz und Sr. Agnes Heß) die Fokolare sehr intensiv kennen. Dabei erlebten beide Seiten eine tiefe Übereinstimmung und umso schmerzlicher die Realität der getrennten Kirchen. Eine Bewegung war angestoßen, die sich erstaunlich beschleunigte und immer mehr Menschen erfasste: jedes Jahr Begegnungen in Deutschland und in Rom mit Mitgliedern und Freunden der beiden Gemeinschaften. Ein neuer Weg ohne Vorbilder begann: das Miteinander von zwei Gemeinschaften mit unterschiedlichem konfessionellen Hintergrund..

Ob in Deutschland oder auf Romfahrten, bei Gesprächen oder in dem Erleben der Stätten unseres Wurzelgrundes in der noch ungeteilten Kirche, wie in die Katakomben, in den gegenseitigen Zeugnissen lebendiger Gotteserwählung - immer vollzog sich das Kennenlernen mit den Augen der Liebe.
Wirkliche Begegnung benötigt lebendiges Teilen entgegen vielen Vorurteilen, die auch uns Christen heute noch prägen und mehr noch vor dem Konzil geprägt haben. Vieles musste und muss uns in der Verschiedenheiten der Gnade, die Gott in jede Kirche und jede Gemeinschaft gelegt hat, aber auch der Schuld aneinander, neu von Gott, von der Liebe gedeutet werden. In diesem Unterwegssein mit vielen Freunden wuchs in uns die Freude und eine tiefere Sehnsucht nach dem Einswerden, dieser göttlichen Wirklichkeit, wie sie Jesus mit dem Vater lebt. "Was mein ist, das ist dein und was Dein ist, das ist mein".
Das galt nicht nur im Blick auf die Kirchen. Wir sahen in den Fokolaren, wie Gott die Gaben der Völker benützt, um seine Liebe auszudrücken. Wir erlebten z.B. auch in ihrer italienischen Mentalität die Sorglosigkeit der Vögel, in der Jesus die Freude der Kinder Gottes ausdrückt, die alles auf den Vater und sein Reich hin ausrichten. Ja, wir erlebten immer wieder eine Beglückung.

Im Frühjahr 1965 kamen Vertreter der Bruderschaft in das Ausbildungszentrum der Fokolare in Loppiano mit dem Vorschlag, ein ökumenisches Lebenszentrum zu gründen. Es kam schnell zum gemeinsamen Beschluß; als Ort wurde Ottmaring ins Auge gefasst, weil hier seit 1955 Familien der Bruderschaft lebten und 1960 ein Haus gebaut hatten. Weitere Grundstücke waren vorhanden.

Sicher bleibt dieser Beschluß und damit die Geburt des Lebenszentrums zuletzt ein Geheimnis Gottes; es war ein Glaubenswagnis der Beteiligten. Aber soviel kann ich sagen: bei diesen Begegnungen passierte immer wieder ein Entdecken und ein Erkennen des Anderen in seiner tieferen Verwurzelung.. Wir erzählten uns unsere Geschichte mit Gott und waren fasziniert von der Verwandtschaft - nicht in gleichen Worten und Traditionen, sondern in den zentralen Worten des Evangeliums:

- die Liebe Gottes, am tiefsten offenbart am Kreuz;
- das neue Gebot Jesu für seine Jünger:
die gegenseitige Liebe, die auch bereit ist, das Leben füreinander zu geben:

- die Erfahrung der Gegenwart Jesu, gemäß seiner Verheißung, wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind.

Deshalb haben wir nicht über spezielle ökumenische Themen und Streitfragen diskutiert - die ergeben sich ungesucht auf dem Weg -, sondern wir teilten unsere Erfahrungen auf dem Weg der Nachfolge. Bald gaben wir davon auch gemeinsam Zeugnis. Es war eine Zeit des Aufbruchs und der Begeisterung.

 

2. Gottes Stunde - Es war unser gemeinsamer Glaube, Er will dieses Lebenszentrum
 
Es könnte scheinen, daß die Begeisterung und das gegenseitige Entdecken ganz folgerichtig zum Plan einer gemeinsamen Siedlung geführt hat. Aber so naiv waren beide Gemeinschaften nicht. Sie wussten, was ein dauerhaftes gemeinsames Leben bedeutet und sie konnten ahnen, daß ein solches neuartiges Experiment auf Hindernisse und Skepsis stoßen wird. Bei den Begegnungen erlebten wir nicht nur, daß wir im tiefsten Glaubensfundament eins sind, sondern auch die Verschiedenheiten waren unübersehbar - sie wurden nur nicht problematisiert:

Katholische Christen, die auf die Einheit mit ihren Bischöfen Wert legten - evangelische Christen die ihre Freiheit und Vielfalt betonen;
Italienische und deutsche Mentalität;
eine junge, dynamische Bewegung, die sich weltweit ausbreitete - eine kleine, ziemlich unbekannte Bruderschaft in der zweiten Generation.

Entscheidend war, daß beide Gemeinschaften die Berufung in sich trugen, der Einheit der Christen zu dienen und sie selber zu leben - und zwar im Sinne des Gebetes Jesu.
Die Verantwortlichen - Chiara Lubich für die Fokolare, Klaus Heß für die Bruderschaft hatten eine Vision für ein Lebenszentrum, für eine kleine Stadt auf dem Berge - noch nicht fest programmiert, aber in ersten Schritten sichtbar. Es war und blieb ein Glaubenswagnis.

Die Gewissheit, es ist die Stunde Gottes, seine unverfügbare Führung, wurde bestätigt durch das Ja der Bischöfe. Und zur gleichen Zeit erlebten wir die unerwartete ökumenische Öffnung der katholischen Kirche bei dem 2. Vatikanischen Konzil.

 

3. Anfang einer Lebens- und Lerngemeinschaft
 
Auch wenn wir in diesen Anfangsjahren von der Freude über die Gemeinsamkeiten beflügelt wurden - der Schmerz der Trennung und erste Ent-täuschungen blieben nicht aus. Wir erlebten im Großen und im Kleinen, daß wir mit unserem guten Willen die Einheit nicht herstellen können. Den Anderen wirklich annehmen - auch in seinem Fremdsein und seinen Grenzen - und die eigenen Vorstellungen loslassen, das wurde ein Weg, auf dem wir auch heute noch sind.

So verschiedenartig nach Herkunft, Form und Gestalt, auch Größe, hätten wir uns menschlich nicht ausgesucht. Aber Gottes Herrlichkeit, seine Drei-Einigkeit kann nur vieltönend, ja kontrastreich ausgedrückt werden. Nicht Parität, nicht die Summe von Einzelnen oder von Kirchen, nicht Kompromisse, um sich anzugleichen - Einssein in Verschiedenheit ist die göttliche Qualität der Liebe, geistgewirkt im menschlichen Gefäß.
Wo Gott Menschen einbezieht geht es nicht um Fertiges, sondern um Wachsen und Reifen mit Wartestrecken und Knotenpunkten. Gott hat seine Stunden und Augenblicke, seinen Kairos des Findens und Verknüpfens. Im Zeugnis des Anderen geschah ein Erkennen Gottes, des gelebten und darum ursprünglich lebendigen Evangeliums. Nicht vom Verstand her, im Herzen erfasst, erspürte jeder im Anderen, dass in seinen Worten die Hingabe an den Heils- und Liebeswillen Gottes ("Lass alle eins sein") liegt, koste es, was es wolle. So führte die Sehnsucht mit den Brüdern und Schwestern den Weg Gottes zu gehen weiter, bis heute.

 

 

 

Günther Rattey
 
Festakt zum 40. Jahr des Ökumenischen Lebenszentrums Ottmaring
 
Die wertvollen Zeiten der Krise
 
Bei der Vorbereitung dieses Beitrages gab mir einer unserer Priester einen Hinweis auf eine Aussage von Romano Guardini zum Thema Gemeinschaft. Romano Guardini unterscheidet drei Phasen der Entwicklung von Beziehungen:
1) das verliebt sein,
2) dann das Erschrecken vor der unerwarteten Andersartigkeit des Partners,
3) schließlich - oft nach einer gefährlichen Krise - wächst ein neues und reiferes Akzeptieren des Anderen.

Von der ersten Phase berichtete bereits am Anfang Walter Pollmer und Agnes Heß. Es war eine Zeit der Faszination, des Staunens und der frohen Entdeckung auf Seiten der Bruderschaft für diese neue, moderne, geistliche Bewegung in der katholischen Kirche.

Die zweite Phase - das Erschrecken vor der Andersartigkeit des anderen in seiner zum Teil befremdlichen Weise zu glauben, zu sprechen und zu handeln, begann für die Mitglieder unserer Gemeinschaften als gelegentliche Überraschungen. In der Zusammenarbeit für Tagungen, Sommertreffen, Romreisen und später (ab 1968) im Zusammenleben in Ottmaring, kam es immer wieder zu Missverständnissen. Man wurde irritiert durch manche unterschiedlichen Bewertungen, ausgelöst durch die andersartigen konfessionellen und kulturellen Prägungen der Partner, aber auch bedingt durch ihre Stärken wie ihre Grenzen. Am Ende dieser Phase geschah etwas Schmerzliches - unser Bild vom Anderen - den wir zwar besser kennengelernt, aber wohl auch idealisiert hatten - zerbrach. Dabei gab es keine heftigen Auseinandersetzungen, keine massiven Forderungen oder Anklagen gegeneinander. Stattdessen waren es unsere z.T. unausgesprochenen Erwartungen und Hoffnungen die den anderen missdeutet und verfehlt hatten. Am Tiefpunkt dieser Phase stand jene erschrockene Ernüchterung, diese Ent-Täuschung von der Romano Guardini schreibt.

Inhaltlich konzentrierte sich diese Problematik auf einen Punkt, der auch heute zwischen den Kirchen als ein wesentliches Problem diskutiert wird: nämlich die unterschiedlichen Erwartungen und Vorstellungen von der Einheit der Christen. Zwischen der Vorstellung einer Rückkehrökumene und der gegenwärtig betonten Ökumene der Profile, die eine wohlwollende konfessionelle Distanz befürwortet, gibt es viele Modelle und Zielsetzungen ökumenischer Hoffnungen. In Ottmaring brachten uns nicht die strittigen Themen zwischen der rk. Kirche und den ev. Kirchen, wie z.B. Maria, Papst und Kommunion-Gemeinschaft in große Verlegenheit, sondern die Tatsache, dass sich Bruderschaft und Fokolarbewegung in keiner Weise gegenseitig integrieren ließen.

In den 80-iger Jahren begann eine lange Zeit von Irritation und Ratlosigkeit. Doch bei allen Anfechtungen und Zweifeln, in die wir als Einzelne gerieten, war es unsere "Rettung", dass sich unsere beiden Gemeinschaften einer doppelten Versuchung verweigerten: Nämlich entweder den Anderen zu verurteilen oder aus dem gemeinsamen Projekt Lebenszentrum auszusteigen.

Es war einerseits die Treue zu dem Willen Gottes, den wir gemeinsam erkannt hatten, und andererseits war es die immer neue Herausforderung zur "Bekehrung des Herzens", wie das 2. Vatikanum diesen Kern des geistlichen Ökumenismus benennt. Unsere jahrelange Spannung löste sich durch ein klärendes Wort von Chiara Lubich. Bei ihrem Besuch1988 in Ottmaring sagte Chiara sinngemäß: "Im Lebenszentrum begegnen sich zwei Werke Gottes, die miteinander Zeugnis geben für das Einswerden der Christen". Nun wussten wir uns als Bruderschaft vorbehaltlos bejaht und freigegeben zu unserer eigenen Sendung und Eigenart. Durch diesen neuen Ansatz wandelten sich allmählich die Unterschiede in eine positive Ergänzung und Wertschätzung. Verschiedenheit und Einheit waren keine Gegensätze mehr, sondern Elemente der Kontrast-Harmonie, die nach Paulus den menschlichen Organismus ebenso wie den Leib Christ kennzeichnen. Diese Erfahrung lässt uns zugleich verstehen, dass die Charismen und die geistlichen Reichtümer der Kirchen sich nicht gegeneinander abgrenzen müssen, sondern dass sie sich gegenseitig bereichern sollen.

Die dritte Phase beschreibt Romano Guardini mit den Worten: Wir leben weiter miteinander in der Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Anderen. Die Frucht dieser Krisen war nach innen ein neuer Respekt vor der Berufung des Anderen und das Vertrauen, daß Gott im Partner lebt und wirkt. Wir erlebten eine neue Wachheit für das, was die andere Gemeinschaft bewegt und prägt. Nach außen wurde dem Lebenszentrum in Folge dieser Entwicklung eine weit größere Dimension seiner Wirksamkeit eröffnet. Dazu ein Beispiel: Am 31.10.1999 - dem Tag der Unterzeichnung der Rechtfertigungs- Erklärung zwischen der Römisch-katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund in Augsburg - begann am Nachmittag in Ottmaring die Zusammenarbeit von katholischen Bewegungen und evangelischen geistlichen Gemeinschaften. Diese neue ökumenische Initiative mit dem Titel "Miteinander der Bewegungen", ist vor allem bekannt geworden durch die Kongresse und Europatage 2004 und 2007 in Stuttgart. Verantwortliche dieser geistlichen Gemeinschaften bekräftigen, dass dieses gemeinsame Zeugnis ohne unsere durchlebte Erfahrung des Scheiterns eine tragfähige Wurzel fehlen würde.

Ein Wort von Chiara Lubich zum Beginn des Lebenszentrums 1968 scheint sich zu bestätigen: Dieses ökumenisches Lebenszentrum soll ein "prophetisches Zeichen" für die getrennten Kirchen sein.


 

40 Jahre Ökumenisches Lebenszentrum Ottmaring
 

Dankgottesdienst mit Feier des Heiligen Abendmahls am 5.3.2008
in der Ökumenischen Kapelle

 

Ansprache von Pfarrer Gottlob Heß

40 Jahre Ökumenisches Lebenszentrum, das begann eigentlich 1960 und den Jahren danach bis 1968: Bruderschaft und Fokolar-Bewegung waren einander begegnet in einer wirklichen Gottesstunde und fanden sich in der Suche, den Willen Gottes im Blick auf die Einheit der Christen, der ihre gemeinsame Berufung galt und gilt, umfassender zu entdecken und zu erfüllen. Über allem, was sich dann in den 40 Jahren in Ottmaring begab, über allen Lebens- und Lernprozessen und unserem gemeinsamen Zeugnis kann darum nur stehen:
soli deo gloria - Gott allein die Ehre!
Darum möchte ich uns alle mit den Worten des Psalms 95, 1-3,6-7a zum Gotteslob ermuntern: "Kommt herzu, laßt uns dem HERRN frohlocken ..."
Und nun will ich in einer dreifachen Weise die Bestimmung und die Erfahrung des Ökumenischen Lebenszentrums umschreiben:

1 "Haus der Mitte"
2 "Ort der Fußwaschung"
3 "Werkstatt der Hoffnung"

 

1 Im Jahr 1974 notierte mein Vater, Klaus Heß, im Blick auf die in Bau befindliche Tagungsstätte und im Blick auf das Ökumenische Lebenszentrum als Ganzes: "Haus der Mitte, das ist Ausdruck für die lebendige Mitte, für Ihn, Jesus in der Mitte, Gott unter uns und dafür, dass wir Sein Haus sind und dass an diesem Ort sich das lebendige Haus Gottes, das heilige Volk aufbauen soll und in Vielfalt sich findet als Gottes Zeichen und Zukunft". Eine Mitte hat formgebende Kraft, sie setzt frei und miteinander in Beziehung. Diese Mitte suchen wir immer neu, wenn wir in unseren Gemeinschaften oder miteinander auf das Wort des Lebens hören und achten oder auf die Losungen, auf die ökumenische Bibellese ... Jesus, der menschgewordene Gott, hält uns zusammen durch Sein Wort in aller Unterschiedlichkeit: Mt 18,20.

 

2 Und Jesus zeigt uns, wie wir in Unterschiedlichkeit eins bleiben - durch die Fusswaschung, die wir von Ihm lernen: Joh 13,13-15. Das Ökumenische Lebenszentrum ist Ort dieses "ökumenischen Sakraments" - ein 40 Jahre schon andauernder Lernprozess im Blick auf unsere Haltungen und die daraus resultierenden Beziehungen. Fusswaschung bedeutet doch, einander von unten begegnen, nicht von oben, als Fragende, nicht als Besserwissende!
Fusswaschung bedeutet Befreundung über Höhen (Begeisterung füreinander ...) und Tiefen (Befremdung, Krisen ...). Chiara Lubich hat deshalb gleichsam profetisch schon 1968 gesagt: "Wir sind überzeugt, das Ottmaring ein Werk Gottes ist, weil der Schatten des Kreuzes es immer begleitete, immer". Unter dem Schatten des Kreuzes und in dem allen gesegnet von Jesus dem Gekreuzigten empfangen wir heilende Kräfte für unsere Beziehungen zueinander und zu denen, die uns besuchen, und mit denen wir gemeinsam auf dem Weg sind in Deutschland und Europa. Vor nicht allzu langer Zeit unterstrich Chiara vom Krankenbett aus, wie sie gefragt wurde, woran ihr im Blick auf die Fokolar-Bewegung besonders liegt: "i rapporti, i rapporti" (die Beziehungen, die Beziehungen)! Nur wenn unsere Beziehungen gesund bleiben und lebendig, bleibt Ottmaring das, was Bischof Stimpfle einmal so ausdrückte: ein "Ort des Ja".

 

3 Und als solcher wurde und wird das Ökumenische Lebenszentrum immer neu zu einem Ort der Hoffnung für Kirche und Gesellschaft, ja zu einer "Werkstatt der Hoffnung": Mt 5,13a+14+16. Wir feiern nicht uns selbst heute und in diesem Jubiläumsjahr und wir leben nicht für uns selbst, sondern dem, der den Vater im Himmel gebeten hat "dass sie alle eins seien ..., damit die Welt glaube, dass Du mich gesandt hast".
1999 begann hier in Ottmaring ein gemeinsamer Weg unterschiedlicher geistlicher Gemeinschaften, Werke, Kommunitäten, der 2001 zu einem Bündnis der Liebe inspirierte und in zwei grosse Treffen in Stuttgart 2004 und 2007 einmündete. Nur einmütig bei aller Unterschiedlichkeit können wir in Kirche und Gesellschaft ein glaubwürdiges Zeugnis geben, das Hoffnung weckt und stärkt.

 

"Haus der Mitte" - "Ort der Fusswaschung" - "Werkstatt der Hoffnung": wieviele Lebens-, Lern- und Hoffnungserfahrungen verbinden sich damit und darum auch mit dem immer neuen persönlichen und gemeinsamen Dank und der gegenseitigen Versicherung: alles zur Ehre Gottes - soli deo gloria!


Ökumenisches Lebenszentrum Ottmaring Geschichte und Vision